Die Pflicht der Justiz

Von Santiago Molina

Quelle: La Voz del Sandinismo

Um den Fehler der Einwohner von Macondo nicht zu wiederholen, die in Vergessenheit gerieten und damit diese Pest die zukünftigen Generationen nicht ansteckt, müssen wir die Pflicht erfüllen, dass kein Verbrechen, das nach dem 18. April (2018) geschah, ohne Strafe bleibt. Das Andenken der Opfer darf nicht in Vergessenheit geraten. Das ist die Lektion, die García Márquez uns hinterlassen wollte, als er am Sarg der Großmutter schrieb: "Es ist die Stunde gekommen, um damit abzurechnen, was geschah, bevor die Geschichtsschreiber kommen."

Denn wenn es keine Gerechtigkeit gibt, dann ist das so, als ob die Barbarei der putschenden Rechten nie geschehen wäre. Und ihre Geschichtsschreiber würden sofort erwägen, dass die Hunderte Opfer bei irgendeiner Revolte, in einer verschwommenen Aktion umkamen, wie niedergetretene Blümchen am Rande des Weges, die kaum in den Chroniken der Epoche beachtet werden.

Letztendlich rechtfertigte für sie die Absicht, die Regierung zu stürzen, die Mittel, um zu morden und die Wirtschaft eines Landes zu ruinieren, das auf dem Marsch in die Zukunft war. Aber nach dem gescheiterten "sanften" Putsch, folgt jetzt der harte Schlag der Justiz. Es muss alles gezählt werden, was geschehen ist; sowohl auf den Barrikaden als auch im Inneren der Kirche. Es muss Gerechtigkeit walten, damit nichts vergessen wird.

Die Worte von Monsignore Silvio Báez, die zum Bruderkrieg aufriefen, dürfen auch nicht vergessen werden. Sie bilden einen Teil des Dokuments der Barbarei. Zurzeit ist die putschende Rechte dabei, danach zu suchen, wie sie sich der Bedeutung ihrer Verbrechen entziehen kann. Und schon ist sie dabei, den "politischen Repressalien" die Schuld zu geben. So, als müssten wir anerkennen, dass die verübten Ungerechtigkeiten (Entführungen, Folter, Morde) durch die Putschisten nicht mit Verbrechen zu Ende gingen. Nun wollen sie auch noch, dass wir die Spuren ihrer Verbrechen löschen.

Auf diese Weise war das Vergessen immer die alte Taktik, um sich selbst als Sieger der Geschichte zu erklären. Sie rechnen eines guten Tages mit der Rückkehr der spanischen Chronisten. Walter Benjamin bestätigte, dass dieses "unsichtbar Machen" der Verbrechen nichts Neues ist. "Es ist eine Strategie des Siegers, denn es gibt zwei Tode: ein physischer Tod, aber auch einen gedeuteten Tod."

Das heißt, das Verbrechen tötet nicht nur, sondern es bemüht sich auch - und baut dafür eine ganze Strategie auf - die Bedeutung dessen, was geschehen ist, zu beseitigen, damit es so aussieht, als wäre es normal: Das ist der "gedeutet" Tod. Nicht anders erklärt das der argentinische Philosoph Manuel Reyes Mate, der das Werk von Benjamin studierte: "Es ergibt sich, dass bei der ‚deutenden' Arbeit des unsichtbar Machens der Opfer die Medien und politischen Sprecher mit Hilfe irgendeines katholischen Bischofs, der im Prinzip den Opfern näher stehen müsste, als den Henkern, führend sind."

Folge dessen sind die verschiedenen Medien der Rechten dabei, den "deutenden" Tod zu praktizieren und sie entwickeln gerade eine Kampagne, damit die Verbrecher aussehen wie Friedenstauben. Das Jammern des frühen Singvogels ist ein anderer repräsentativer Beweis des Mantels der Abstraktion, mit der die Wahrheit über die Verbrechen verdunkelt werden soll.

Einige haben den Weg ins "Exil" genommen, ohne dass die Polizei sie tatsächlich gefangennehmen konnte. Der Hass entzieht ihnen den Boden unter den Füßen, weil die sandinistische Bevölkerung von den öffentlichen Plätzen aus Gerechtigkeit für die Verbrechen fordert. Sie hören die Stimme des Volkes wie "einen Donner gemeinsamer Stimmen", so schrieb Jaime Gil de Biedma in seinem Gedicht "Piazza del popolo". Die putschende Rechte erinnert sich nicht - der historische Negationstrieb ist ihre ideologische Praxis - der echten politischen Exilanten der Diktaturen, die der Imperialismus in ganz Lateinamerika sponserte.

Miami ist das Zentrum der Operationen, um die Lügenmärchen dieser "heldenhaften" Exilanten zu verbreiten. Und die Hysterie der lokalen Medien nimmt daran teil, wie dieser Kanal der Ultrarechten, der 24 Stunden am Tag irgendeine Schande verbreitet, damit die Barbarei der "friedlichen Oppositionellen" wie eine "Eigenverteidigung" aussieht. Das ist die historische Logik, die gebrochen werden muss, damit Gerechtigkeit für jedes einzelne Opfer herrscht.

Ein beredtes Beispiel dafür ist das, was der Überlebende von Auschwitz Primo Levi in seinem Buch "Ist das ein Mensch" erzählt: "Ohne Gerechtigkeit werden die nachfolgenden Generationen keine Vorstellung davon haben, was geschehen ist. Ohne Erinnerung ist es vielmehr so, als wäre die Ungerechtigkeit nie geschehen und die Welt könnte sich organisieren, als ob die Barbarei nie stattgefunden hätte; als ob das Nazi-Projekt gegen die Juden gesiegt hätte und die Jugendlichen von Oswiecim spielten heute Fußball auf dem Feld von Auschwitz, als wäre nichts geschehen."

Der Fehler der Begnadigung eines guten Tages ist ein historisches Beispiel von grundlegender Bedeutung. Kein Tod darf je vergessen werden, weil - wie Benjamin denkt - "jeder Tod und jedes Ereignis würdig sind, absolut zu sein". Kein Verbrechen darf verdunkelt bleiben. Der Tod des Anderen, unseres Bruders, dem wir seine Würde als Opfer hier und heute wiedergeben, unterbricht die historische Fortdauer dessen was, der Imperialismus und die Oligarchie aufgebaut haben: Sie wollten die Ungerechtigkeit als Regel unserer Geschichte aufstellen.

mem